Spandau, News

Aus der Großstadt aufs Land

Auf der Gatower Straße den Großstadttrubel hinter sich lassen

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Die Fahrt auf dem Straßenzug Gatower Straße und Alt-Gatow gleicht einer Reise aus der Großstadt aufs Land. Ganz im Norden hat die Gatower Straße an ihrem Beginn das Flair einer umtriebigen Hauptstraße.

Dort haben eher überregionale Einrichtungen wie das Kombibad Spandau-Süd auf dem großen Areal an der Hausnummer 19 oder der Bus-Bahnhof Spandau der Berliner Verkehrsbetriebe auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihren Sitz. An der Kreuzung mit der Heerstraße logieren die Filiale von Kentucky Fried Chicken, die Peugeot-Niederlassung Spandau und die Esso-Tankstelle. Einzige Ausnahme im Kreis der „Großen“ bildet das Restaurant „G 7“, das seinen Namen von der Adresse Gatower Straße 7 erhalten hat. Vor 13 Jahren hatte das Ehepaar Drechsler vom Bezirksamt das aufgelassene Haus gepachtet. Aus dem einstigen Stützpunkt des Naturschutz- und Grünflächenamts wurde ein Lokal, das mit seinem großen Biergarten und Hausmannskost zahlreiche Besucher zum beschaulichen Verweilen einlädt.
Hat man die große Kreuzung mit der Heerstraße Richtung Süden hinter sich gelassen, wird es auf der gut vier Kilometer langen Gatower Straße, deren Name 1878 erstmals belegt ist, zunehmend ruhiger. Zunächst beherbergen noch kleine Ladezeilen links und rechts der Straße einige Geschäfte und Lokale. Die bieten teilweise einen Service an, der durchaus im gesamten Bezirk gefragt ist. Zu ihnen gehört sicher das Geschäft von Raumausstatter Strehlow an der Gatower Straße 124-126. Der Laden logiert hier seit Mai 1976, vorher war er seit 1969 an der Gatower Straße 136 beheimatet. Seit 1995 führt Alexander Strehlow das Geschäft, das er von seinem Vater übernahm. In direkter Nachbarschaft betreibt seit nunmehr 19 Jahren mit Glasermeister Marcus Engst ein wahrer Könner seines Fachs das „gläserne Handwerk“. Der sucht übrigens derzeit dringend eine Halbtagskraft für seinen Betrieb. Die soll sich um Buchhaltung und Kunden kümmern, wenn Engst und seine Gesellen im „fliegenden Einsatz“ unterwegs sind.

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Nur wenige Meter hinter der Kreuzung mit dem Weinmeisterhornweg gewinnt auf der westlichen Straßenseite mit dem Areal der einstigen Rieselfelder die Natur die Oberhand. Einige Wohnhäuser, das Vattenfall-Grundstück an der Gatower Straße 141-144, auf dem der Neubau des Umspannwerks Gatow begonnen hat, die Tankstelle an der Gatower Straße 172 und die Havelklinik auf dem Grundstück mit der Nummer 191 erinnern auf der östlichen Straßenseite noch an die Nähe der Großstadt. Ein besonderes Gebäude ist an der Gatower Straße 241 die so genannte „Biberburg“. Das Haus hat seinen Namen wohl von einem Zuchtbetrieb für Biber - auch Biberburg genannt. Den soll ein an dieser Stelle Heinz von Lehn vor 1930 an dieser Stelle betrieben haben. 1930 entstand dann hier im Auftrag des Forschers, Frauenarztes und Chirurgen Dr. Heinz Zikel ein Forschungsinstitut für Drüsen und Geschwulstkranke mit der Bezeichnung „Bergfels Biberburg“. Nach 1935 zog das Marine- und Reichsluftfahrtministerium mit einer Versuchsstelle für Raketenforschung und schweres Wasser in das Haus ein. Deren Aufgabe war die wärmetechnische Berechnungen bei der Konstruktion von Raketentriebwerken. Nach dem Krieg logierte dann seit 1950 die Firma „Es-Te Ing. H. Stegenwalner GmbH & Co KG“ in der Biberburg. Die entwickelte und produzierte Lichtpausgeräte, die als mikroprozessgesteuerte Vollautomaten für Aufsehen sorgten. Seit 1996 nutz eine orthopädische Gemeinschaftspraxis große Teile der Biberburg, die mittlerweile zu einem Gesundheitszentrum mit vielfältigem Angebot gewachsen ist. Das bietet neben der Orthopädie etwa eine Praxis für Radiologie und MRT, mit Alpha Physio und Wasserkraft Berlin Zentren für Rehasport und Prävention, Ergo- und Physiotherapie, eine Naturheilpraxis und zur entspannten Bewegung das Tanzstudio Instep.

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Auf der gegenüberliegenden Westseite der Gatower dominiert die landwirtschaftliche Nutzung. Hier logieren die Landwirtschaftsbetriebe Zerrath an der Gatower Straße 240 und Feldbinder an der Gatower Straße 242. Im Hofladen gibt es Milch und Fleisch sowie Wurst- und Käseprodukte, alles genfrei produziert. Zahlreiche Pferde und Rinder auf den Weiden rund um die Höfe lassen vergessen, dass man sich hier im Stadtgebiet Deutschlands größter Stadt befindet. Das gilt sicher auch für das rund 24.000 Quadratmeter große Grundstück der Villa Lemm, die etwas abseits am Rothenbücher Weg 2 direkt am Havelufer steht. 1907/1908 für den Schuhputzmittel-Fabrikanten Otto Lemm erbaut, diente sie 1945 bis 1990 den britischen Stadtkommandanten als Dienstsitz. 1995 kaufte der Unternehmer und Kunstsammler Hartwig Piepenbrock die Villa Lemm und sanierte sie. Als Privatbesitz ist das Grundstück heute nicht mehr öffentlich zugänglich.

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Wenig weiter südlich tauchen beidseits der Gatower Straße die ersten Häuser des Südspandauer Ortsteils Gatow auf. Neubausiedlungen haben hier für einen gehörigen Einwohnerzuwachs im „Dorf Gatow“ geführt. Die Zahl der Bewohner ist mittlerweile auf rund 4.400 gestiegen. Das eigentliche Dorf beginnt erst an der Einmündung der Straße 265. Hier ändert die Straße auch ihren Namen in Alt-Gatow. Den trägt die rund einen Kilometer lange Straße seit dem 3. Mai 1935. Vorher führte sie als Dorfstraße durch das 1258 erstmals urkundlich erwähnte Straßendorf Gatow. Links und rechts der Straße Alt-Gatow stehen denn auch zahlreiche Häuser, die an die lange Historie Gatows erinnern. 14 Objekte sind allein an dieser recht kurzen Straße in die Berliner Denkmallist aufgenommen worden.
Als ältestes noch erhaltene Bauwerk in Gatow gilt die zu Beginn des 14. Jahrhunderts ursprünglich aus Feldsteinen erbaute Dorfkirche, Alt-Gatow 32. Das Baudenkmal, über die Jahrhunderte immer wieder erweitert, wird vom Dorf-Friedhof umgeben. Zu den denkmalgeschützten Gebäuden gehören ebenso das Herrenhaus, Alt-Gatow 54, in dem einst ein Polizeirevier und heute ein Kindergarten untergebracht sind, sowie das Baudenkmal des ehemaligen Beutel’schen Hofs, Alt-Gatow 65. Von ihm sind das um 1890 gebaute Wohnhaus, der Speicher von 1763 und die Scheune von 1904 erhalten. Schon vor mehr als 100 Jahren war das Gasthaus „Zur Linde am See“, Alt-Gatow 1-3, ein bekanntes Restaurant am Havelufer. Seit 2005 gehört das Haus dem ADAC Berlin-Brandenburg. In dem traditionsreichen Haus logiert seitdem der "Motor-Yacht-Club-Preußen" des ADAC. Restaurant und Saal sind an das Restaurant „Cappuccino“ verpachtet.
Zu den „Denkmalen“ der neueren Gatower Geschichte gehört sicher das einstige „Filmtheater Gatow“ neben dem 1903 erbauten, heute denkmalgeschützten „Wirtshaus Gatow“, Alt-Gatow 31. Von den Gatowern Franz und Edith Rupp betrieben, bot das Kino im ehemaligen Tanzsaal des Wirtshauses von 1946–1966 tägliches Filmvergnügen für 263 Besucher. Ich kann mich noch daran erinnern, dass man dort auf Gartenstühlen, die mit Draht zu Stuhlreihen zusammengebunden waren, saß. Dafür war das Kinovergnügen mit 50 bis 80 Pfenning auch günstig. Heute bringt im benachbarten „Wirtshaus Gatow“ das Restaurant „Touki“ traditionelles japanisches Essen nach Gatow.

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In der Nachbarschaft bietet der 1972 von Wolfgang Loth gegründete Friseursalon „Loth & Lippert“, Alt-Gatow 39, professionelle Haarpflege in entspannter Atmosphäre. Seit 2002 leitet Friseurmeisterin Manuela Lippert den Salon. Schräg gegenüber bietet an der Straße Alt-Gatow 48 der Supermarkt einer Handelskette eine der wenigen Einkaufsmöglichkeiten im Ortsteil Gatow. Die wurden allerdings 2015 durch einen Laden besonderer Art ergänzt. Hier bietet Bauer Christian Heymann im Regionalen Hofladen mit Kaffeestube in der Alten Feuerwache Gatow an der Straße Alt-Gatow 30 von seinem „SpeiseGut“ und weiteren Betrieben Produkte aus der Landwirtschaft der nahen Umgebung an. In der alten Fahrzeughalle der Feuerwehr haben die zahlreichen Gatower Vereine die Möglichkeit, sich zu treffen. Zu den von Heymann bewirtschafteten Flächen gehört seit Juli 2016 auch die einstige Gutsgärtnerei an der Ecke Alt-Gatow und Groß-Glienicker Weg. Hier endet auch die Straße Alt-Gatow, die weiter nach Süden als Kladower Damm in den angrenzenden Ortsteil Kladow führt. ud

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Alle Fotos: Uhde

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