Falkensee, News

Kein Taxi da

Frühlingsfest auf der Festwiese an der Nauener Straße. Die Band Friday Night ist kurz vor Ende ihres Konzertes und Wolfgang B. möchte mit seiner Ehefrau nach Hause. Der Anruf bei der bekannten Falkenseer Taxi-Nummer 3423 um 23.40 Uhr landet im Nirwana. Kein Anrufbeantworter, keine Umleitung auf ein Handy, keine Mailbox. Nur das „Tüüt…“ „Eine Katastrophe“, schimpft der Selbständige. Wesentlich später bekommt er dann doch noch einen Funkwagen: „Wir sind ins Bella Vita gegangen, dort hat uns die Crew einen Wagen aus Berlin gerufen.“

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Taxiverkehr nachts in Falkensee – ein Dilemma. „Wir haben zur Zeit nachts einen Fahrer draußen“, erklärt Alexander Sylvester, Gesellschafter der Taxi-Fa-GmbH und Vorsitzender der Taxiinnung, „der Mann ist voll ausgelastet.“ Die Taxi-Fa ist Falkensees größtes Taxiunternehmen. Insgesamt gibt es in der Region zehn Fuhrunternehmer mit rund 20 Fahrzeugen, 12 davon laufen unter dem Namen der Taxi-Fa. „Unser Grundproblem ist der Mindestlohn“, sagt Alexander Sylvester. Angestellte Fahrer bekommen gesetzlich vorgeschrieben 8,50 Euro/Stunde, dazu das Trinkgeld: „Wenig genug für Nachtarbeit.“ Deswegen möchten die meisten Fahrer auch nicht nachts arbeiten: „Wir suchen dringend Menschen, die für uns Taxi fahren wollen“, sagt Sylvester. Beim Arbeitsamt wird er seit Jahren nicht fündig.

Der Taximangel beschäftigte jetzt auch den Stadtentwicklungsausschuss. Innungsvorsitzender Alexander Sylvester sowie Vertreter des Taxiverbandes Berlin-Brandenburg und der größten Berliner Vermittlungszentrale „Taxi Berlin“ standen dabei den Abgeordneten Rede und Antwort. Der Verbandsvertreter für Brandenburg stimmte zu: „Niemand zahlt nachts 8,50 Euro pro Stunde bei acht Stunden Job und einer Umsatzerwartung von 40 Euro...“ Inzwischen sei die Taxi-Bereitstellung in den Nachtstunden, außer in den Ballungsgebieten, ein bundesweites Problem.

Von den anderen Taxibetrieben in Falkensee hört man noch ein weiteres Argument: „Wir sind tagsüber ausgelastet mit Krankentransporten und vorbestelten Fahrten, warum soll ich nachts fahren“, erklärt einer der selbständigen Taxiunternehmer, der mit seinem Fahrzeug vor der Rufsäule an der Bahnstraße steht.

Sein Kollege bestätigt: „3.500 Euro muss meine Taxe im Monat einfahren“, rechnet Dietmar Grötschel vor. Bei Fahrerlösen zwischen 5 und 11 Euro pro Tour innerhalb Falkensees müsste er 15 bis 20 Fahrten am Tag machen, aber „so groß ist die Nachfrage hier nicht. Das klappt nur mit festgebuchten Aufträgen, die wir für Krankenkassen oder ähnliche Organisationen nach Berlin ausführen.“ Grötschel bemängelt, dass es in Falkensee seit Jahren keine Funkzentrale mehr gibt: „Darüber war ich mit spontanen Buchungen besser ausgelastet“, sagt er. Abgesehen davon, dass das Geschäft nachts ohne Funk kaum funktioniere.

Die Einführung des Mindestlohns scheint das Problem in Falkensee aber lediglich verstärkt zu haben: „Nachts ein Taxi zu bekommen, das hat auch zu früheren Zeiten kaum geklappt“, erzählt eine Alt-Falkenseerin beim Frühlingsfest. Und Kneipenwirt Heiko Richter bestätigt: „Seit Jahren ein Drama…“ Restaurantwirt Aki Farmakis witzelt: „beim Lotto habe ich eine höhere Gewinnchance als nachts ein Falkenseer Taxi für meine Gäste zu bekommen.“ Beide Wirte nutzen eine der Taxi-Apps. „Die angeforderten Fahrer sind in relativ kurzer Zeit da“, erzählt Richter und Farmakis ergänzt: „Das sind dann meistens Taxen aus Berlin.“

Dementsprechend optimistisch äußerte sich vor dem Stadtentwicklungsausschuss der Vertreter von „Taxi Berlin“, eine Rufzentrale mit gleichnamiger App. Es gebe durchaus die Möglichkeit, in Abstimmung mit der Falkenseer Gewerbevertretung und in den Zeiten, in denen keine hiesigen Fahrzeuge zur Verfügung stünden, die Berliner Flotte nach Falkensee zu holen. Das größte Problem sehe er allerdings in den unterschiedlichen Tarifen; Berliner Taxen sind teurer als Falkenseer.

Vereinbart wurde schließlich, dass der Verband und die Falkenseer Innung das Problem gemeinsam beraten und im Oktober im Ausschuss für Stadtentwicklung ein Konzept vorlegen werden. „Wir werden eine Lösung finden“, versprach Boto Töpfer vom Taxiverband Berlin-Brandenburg.

Am Ende gibt es dann eine verbitterte Vision des Taxichefs Alex Sylvester: „Ich freue mich auf das Google-Car.“ Ein solches selbstfahrendes Vehikel würde seine Schwierigkeiten grundsätzlich beseitigen: „Taxifahrten ohne Fahrer, damit wären meine Personalprobleme gelöst...“ bvs/UG

Regionales Stadtjournal Falkensee + Spandau

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